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Herpes-Impfung für Pferde – eine Entscheidungshilfe

Herpes-Impfung für Pferde

Eine Entscheidungshilfe für Pferdebesitzer

Seit dem 15. April 2024 ist die Impfung gegen das Herpesvirus bei Turnierpferden keine Pflicht mehr, aber die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) empfiehlt die Herpes-Impfung weiterhin, da sie als sinnvoll erachtet wird. Doch wie groß ist der Schutz durch die Herpesimpfung für Pferde wirklich? Und was bedeutet das für Pferdebesitzer? 

Lass uns einige wichtige Fakten klären: 

Warum wurde die Impflicht eingeführt und wieder abgeschafft?

Warum hat die Reiterliche Vereinigung (FN) die Impfpflicht für Herpes erst eingeführt und dann wieder abgeschafft?

Mit der Entscheidung für die Einführung der Impfpflicht folgte die Reiterliche Vereinigung zunächst den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet).

Laut Ständiger Impfkommission Veterinärmedizin gehört die Impfung gegen Herpes zu den „Core-Impfungen“, die sich gegen Erreger richten, vor denen jedes Pferd geschützt sein sollte, weil sie besonders gefährlich oder besonders infektiös sind. Zu den Core-Impfungen für Pferde zählen Tetanus, Influenza und Herpes. Im Vergleich dazu stehen sogenannte Non-Core-Impfungen, welche Erreger bekämpfen, die unter besonderen Umständen eine Gefahr darstellen können. Beispielsweise, weil sie regional aktiv sind. Non-Core-Impfungen bei Pferden sind unter Anderem West-Nil-Virus, Tollwut oder die Pilzimpfung gegen Hautpilz.

FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach erklärt den folgenden Wandel der Impflicht so: “Als wir die Impfpflicht eingeführt haben, sind wir davon ausgegangen, dass der Weltreiterverband und andere Nationen mitziehen werden. Das ist aber nicht der Fall. Auch der Weltreiterverband verzichtet nach wir vor auf eine Impfpflicht. 

Zugleich spüren die Landesverbände einen anhaltenden Widerstand in der Mitgliedschaft gegen die Impfpflicht. Mit unserer erneuten Abstimmung reagieren wir auch auf aktuelle Entwicklungen wie beispielsweise die hohe Inflation der vergangen Jahre oder die neue Gebührenordnung für Tierärzte (GOT).”

Turnierpferde dürften demnach wieder ohne Herpes-Impfung am Turniersport teilnehmen.

Ist es dennoch sinnvoll, sein Pferd durch die Impfung vor einer Herpesinfektion zu schützen?

Folgt man den Empfehlungen der frisch aktualisierten Konsenserklärung (consensus statement on equine herpesvirus 2024): Ja!

Das consensus statement wird von internationalen Experten verfasst und aus evidenzbasierter Medizin abgeleitet.

“Unsere Überprüfung zeigt, dass kommerzielle und experimentelle Impfstoffe die Häufigkeit klinischer Erkrankungen im Zusammenhang mit einer EHV-1-Infektion nur minimal verringern. Eine Impfung verhindert weder vollständig eine EHV-1-Infektion bei Pferden noch die nasale Ausscheidung des Virus nach einer Infektion.

Obwohl unsere systematische Überprüfung ergab, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs oft fraglich war, unterstützen wir die Impfung einzelner oder mehrerer Pferde. Die Impfung sollte nach einer Risikobewertung der Wahrscheinlichkeit einer Exposition gegenüber einer EHV-1-Infektion und der Folgen einer Infektion erfolgen. Eine Impfung kann einige Anzeichen einer Krankheit und die Ausbreitung der Infektion einschränken.” 

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Nach dieser abstrakten Informationslage widmen wir uns nun den konkreten Fragen der Pferdebesitzer*innen aus der Praxis. Die Fragen wurden in Zusammenarbeit mit Chris von Der Pferdepodcast gesammelt. 

Wie sind die Fakten zur Herpesinfektion und Herpesimpfung?

Chris: Wir haben 3 Pferde: Ein internationales Turnierpferd, ein nationales Turnierpferd und ein 3-jähriges Nachwuchspferd. Wie würdest Du vorgehen? Kein Pferd impfen? Ein Pferd impfen? Alle Pferde impfen?

Sandra: Bevor wir uns für eine Strategie entscheiden, lass uns die Fakten zu Herpesinfektion und Herpesimpfung für Pferde betrachten. Alle drei Pferde sind einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. 2 Pferde weil sie auf Turnieren Kontakt zu anderen Pferden haben UND weil ihr Immunsystem durch die Teilnahme an Turnieren Stress ausgesetzt sein kann, der das Immunsystem schwächt. Ein Pferd, weil es im Alter von 3 Jahren noch kein voll ausgeprägtes Immunsystem hat und dadurch möglicherweise anfälliger für Infektionen ist. Alle 3 Pferde stehen in einer Herde, wodurch das Infektionsrisiko für jedes der Pferde erhöht ist. Es gibt in dieser Konstellation zwei relevante Fragen:

  1. Möchte man jedes der Pferde vor Herpes schützen?
  2. Möchte man die anderen Pferde vor einer Herpesinfektion schützen?

Also schauen wir uns an:

Wie gefährlich ist Herpes für Pferde?

Über 80% der Pferde tragen das Herpes-Virus in sich, weil sie in einer frühen Lebensphase Kontakt zu Herpesviren hatten. Seitdem verbleiben die Viren inaktiv im Pferdekörper. Gerät das Pferd unter Stress, wird die Aktivität des Immunsystems  unterdrückt, das Virus kann aktiv werden und sich stark vermehren (Virämie). Nun kann das Pferd Herpes-Symptome entwickeln und sehr viele Viren über die Atemwege ausscheiden. Hierdurch erhöht sich die Infektionswahrscheinlichkeit für andere Pferde.

Typische Symptome von Herpes beim Pferd  sind Erkältungssymptome wie Husten und Nasenausfluss, Fieber, Spätaborte, Entzündungen der Blutgefäße, Infarkte und wenn Viren die Nerven in Rückenmark und Gehirn befallen: neurologische Ausfallerscheinungen (Koordinationsstörungen, Harnblasenlähmung). Letztendlich kann eine Herpeserkrankung beim Pferd zum Tod führen. Die Sterblichkeitsrate der im Jahr 2021 in Valencia von Herpes betroffenen Pferde betrug 30,8 %. 

Schützt die Herpes-Impfung mein Pferd?

Chris: Wie gut schützt die Herpes-Impfung ein Pferd?

Sandra: Die Herpes-Impfung ist keine Schutzimpfung, wie wir das von anderen Impfungen für unsere Pferde kennen. Durch die Herpes-Impfung kann das Risiko einer Infektion leicht verringert werden und der Verlauf kann sich milder gestalten. Der Schutz vor einer Herpes-Infektion ist durch eine Impfung nicht maßgeblich erhöht. Sie ist jedoch gut verträglich und kann als Teil einer Strategie zum Infektionsschutz sinnvoll sein.

Beträgt das Impf-Intervall bei Herpes wirklich 6 Monate?

Chris: Eine Frage zu den Impf-Intervallen der Herpesimpfung: kann ich diese variieren, oder ist die Ansage: das Impfintervall beträgt 6 Monate oder etwas kürzer und basta?

Sandra (lacht): Das Impf-Intervall beträgt 6 Monate oder etwas kürzer und basta ;-). 

Zur Grundimmunisierung erfolgen die ersten beiden Herpes-Impfungen im Abstand von vier bis sechs Wochen. Jede weitere Impfung muss spätestens nach 6 Monaten erfolgen, um den moderat erhöhten Schutz vor einer Herpesinfektion für das Pferd bieten zu können.

Bei welchen Pferden ist die Herpes-Impfung sinnvoll?

Chris: Gibt es Pferde, bei denen du die Herpes-Impfung generell empfiehlst und bei anderen nicht?

Sandra: Grundsätzlich empfehle ich die Impfung für alle Pferde, die in wechselndem, engem Kontakt mit anderen Pferden – und unter dem Einfluss von Stress stehen. Besteht eine Herdenimmunität (> 70% der Population ist geimpft) können kranke oder ältere Pferde möglicherweise ungeimpft bleiben, weil die  Infektionsgefahr geringer ist. Lebt eine Gruppe Pferde ohne Kontakt zu anderen Pferden stressfrei unter sich, ist die Infektionsgefahr ebenfalls gering.

Wie kann Herpes beim Pferd behandelt werden?

Die Wirkung von Virostatika gegen Herpes-Viren beim Pferd zeigt sich zwar in vitro vielversprechend, ist in vivo jedoch aktuell nicht nachweisbar. Das bedeutet: Außerhalb des Pferdekörpers, z.B. in einem Reagenzgefäß, ist ein Virostatikum (ein Medikament, das die Vermehrung von Viren hemmt) gut wirksam gegen Equine Herpesviren. Untersuchungen zur Anwendung eines Virostatikums bei an Herpes erkrankten Pferden konnten diesen Effekt jedoch nicht nachweisen. 

Die Therapie von Herpes beim Pferd erfolgt deshalb üblicherweise symptomatisch. 

Aufgrund der mangelnden Möglichkeit der ursächlichen Behandlung einer Herpes-Infektion beim Pferd ist eine Strategie zum Infektionsschutz umso bedeutender.

 

Wenn du Unterstützung zur Erstellung der individuellen Strategie zum Infektionsschutz für dein Pferd möchtest, kannst du hier ein persönliches Beratungsgespräch buchen: 1:1-Consulation

Deine Sandra

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